Ein junger Mann wird mit akuten Vergiftungserscheinungen in die Notaufnahme eingeliefert. Der Blutdruck lieg bei 80/40 mmHg, Puls: 110/min. Er zittert am ganzen Körper, die Haut ist kalt-schweißig. Die Freundin des Patienten erzählt, dass er 29 Tabletten eines Antidepressivum geschluckt hatte. Höchste Eile ist geboten um herauszubekommen, um welchen Wirkstoff es sich genau handelt, damit ein mögliches Antidot (Gegengift) verabreicht werden kann.
Die Ärzte erfahren, dass der Patient in eine  Medikamentenstudie eingebunden ist. Es stellt sich heraus: Er war in der Placebogruppe. Somit hatten die Tabletten, die er einnahm gar keinen Wirkstoff und bestanden lediglich aus Zucker.

Allein das Lesen des Beipackzettels kann zu den darin beschriebenen Nebenwirkungen führen. So wird in Antidepressiva-Studien immer wieder beobachtet, dass 30-50 % der Studienteilnehmer die Studien wegen Medikamenten-Nebenwirkungen abbrechen. Studienteilnehmer, die sich in der Placebogruppe befanden!

Daher ist es meist ratsamer, den Beipackzettel zunächst möglichst wenig zu beachten und erst zu lesen, wenn wirklich ungewollte Symptome auftreten. Häufig habe ich schon Patienten erlebt, denen ich ein Medikament verschrieben habe und die es dann zu Hause aus Angst vor den im Beipackzettel beschriebenen Nebenwirkungen nicht eingenommen hatten. Das größte Risiko, dass die Erkrankung weiter unbehandelt blieb, war den Patienten häufig nicht bewusst.

Andersherum lassen sich Medikamenten-Wirkungen aber auch durch eine entsprechende Erwartungshaltung verstärken: So wurden freiwilligen Probanden in einer Studie Schmerzreize durch Stromstöße versetzt. Die Probanden wurden in 2 Gruppen aufgeteilt. Den Teilnehmern der einen Gruppe sagte man, dass sie ein besonders teures und gut wirksamen Schmerzmittel bekämen, denen der anderen Gruppe, dass sie ein günstiges Medikament bekämen. Die Schmerzlinderung war in der Gruppe mit dem scheinbar teureren Medikament deutlich wirksamer, als in der zweiten Gruppe – beide Gruppen bekamen in Wirklichkeit nur ein Placebo verabreicht.

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2 Responses to Die Macht des Placebo-Effektes

  1. Mareike sagt:

    Jep, der Placebo Effekt ist schon faszinierend. Ich hatte als Kind Angst vor dem Fliegen. Meine Mutter gab mir Pillen und dann war es kein Problem mehr. Später sagte sie mir dann, dass die Pille keinerlei Wirkung hatte. Das ist schon ziemlich verrückt…

  2. Timo sagt:

    Toller Artikel. Der Placebo-Effekt ist schon eine mysteriöse Sache. Aber irgendwie doch nicht, wenn man bedenkt, dass die meisten Krankheiten im Kopf der betroffenen entstehen. Alles immer eine Frage seiner Gedanken.

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